Hintergrund und Rahmenbedingungen
Die Grundschulen in Niedersachsen werden ab dem Schuljahr 2026 / 2027 verpflichtend ein Ganztagsangebot für die Erstklässler:innen gestalten. Das Angebot wird in den Folge-Schuljahren sukzessive ausgebaut, sodass ab dem Schuljahr 2029 / 2030 allen Grundschulkindern über die reine Unterrichtszeit hinaus ein Recht auf Ganztagsbetreuung stattfindet. Der Rechtanspruch ist im Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) geregelt und damit eine Leistung der Kinder- und Jugendhilfe. Für die Ausgestaltung sind die Bundesländer verantwortlich und an der Umsetzung auf lokaler Ebene die Kommunen beteiligt.
Was ändert sich?
Das Ganztagsangebot soll nicht nur quantitativ, sondern insbesondere auch qualitativ verbessert werden. Die Bundesländer haben gemeinsame Empfehlungen für die pädagogische Qualität der Angebote ausformuliert. Auch der Bund unterstützt Maßnahmen der Qualitätsentwicklung ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote.
Der Ganztag eröffnet darüber hinaus auch neue Möglichkeiten für Öffentliche Bibliotheken, mit den Schulen zu kooperieren und die Angebote im Rahmen der Ganztagsbetreuung aktiv mitzugestalten.
Grundschulkinder als Zielgruppe
Wie genau die einzelnenn Ganztagsangebote zeitlich ausgestaltet sind, hängt von den Schulen vor Ort ab. Fakt ist aber: Die Grundschulkinder haben ein Recht darauf, an fünf Tagen in der Woche jeweils acht Stunden betreut zu sein (inklusive der Unterrichtszeiten). Das Recht auf Ganztagsbetreuung wird sich nicht nur auf die Schulwochen, sondern auch auf einen Großteil der Ferien beziehen (Schließung Ganztag maximal 4 Wochen im Jahr).
Nehmen Kinder (bzw. deren Eltern) das Recht auf Ganztag wahr, folgt daraus, dass sich die Zeit der Kinder, in denen sie selbstbestimmt Freizeitaktivitäten nachgehen können, erheblich einschränkt - und das sowohl in der Schul- als auch in der Ferienzeit.
Für Bibliotheken, Musikschulen, Sportvereine, Jugendfeuerwehren und viele andere Vereine und Einrichtungen stellt sich daher die Frage, wie die Zielgruppe der Grundschulkinder weiterhin erreicht werden kann.
Organisatorisches rund um die Aktivität der Bibliothek im Ganztag
Möchte eine Bibliothek das Ganztagsangebot aktiv mitgestalten, stellen sich einige Fragen.
- Analysieren Sie die Struktur Ihrer Nutzer:innen und Ihrer Schwerpunkt-Zielgruppen
- Wie wichtig sind die Grundschulkinder?
- Wie entwickeln sich die Besucher- und Ausleihzahlen voraussichtlich, wenn die Grundschüler:innen unter der Woche wegbrechen?
- Nutzen Sie hierfür gerne den Kriterienkatalog "Bibliothek mit Qualität und Siegel" - insbesondere den ersten Abschnitt "Ziele, Zielgruppen, Kooperationen"
- Analysieren Sie Ihre Angebote
- Wollen Sie weiterhin offene Veranstaltungen für die Zielgruppe anbieten? Wenn ja: wann?
- Passen Ihre Öffnungszeiten weiterhin in die Lebensrealität der Kinder und Familien?
- Können Sie Öffnungsstunden auf den Samstag verschieben, um dann die Grundschulkinder und Familien erreichen zu können?
- Können die Entwicklungen im Bereich Ganztag Bemühungen verstärken, Ihre Bibliothek Richtung Open Library weiterzuentwickeln?
- Tipps:
- Beteiligen Sie sich regelmäßig an der Deutschen Bibliotheksstatistik (DBS). Mit den veröffentlichten und zitierbaren Daten haben Sie eine gute Ausgangsbasis, um Veränderungen zu belegen und eine Ressourcenerhöhung zu begründen.
- Es gibt (aktuell) noch keine Möglichkeit, die Aktivitäten einer Bibliothek im Bereich Ganztag systematisch zu erfassen. Dokumentieren Sie Ihr Arbeitsfeld:
- Anzahl der Schulen, für die Sie Angebote gestalten,
- Anzahl der Termine, die stattgefunden haben,
- Personalstunden-Einsatz für Vorbereitungen, Fahrtwege und Durchführung,
- Anzahl der Kinder, die an den Veranstaltungen teilgenommen haben.
- Prüfen Sie den Arbeitsauftrag der Bibliothek. Deckt dieser den Einsatz im Bereich Ganztag ab?
- Halten Sie Rücksprache mit Ihrem Träger. Ist eine Aktivität der Bibliothek gewünscht? Machen Sie deutlich, dass hierfür ggf. eine Beteiligung der Ressourcen notwendig ist.
- Wer koordiniert kommunal die Aktivitäten rund um Ganztag?
- Wie viele Standorte gibt es, die mit Angebote bespielt werden müssen?
- Finden die Veranstaltung in der Schule oder in der Bibliothek statt?
- Wie gelangen die Kinder von der Schule in die Bibliothek?
- Wie und über wen findet die Kommunikation zwischen Bibliothek und Schule statt? Wer ist der zentrale Schulbeauftragte für den Ganztag?
- Wenn die Veranstaltungen in der Schule stattfinden: Welche Fläche steht dort zur Verfügung?
Im Zusammenhang mit neuen Handlungsfeldern stellen sich auch immer Fragen rund um Ressourcen:
- Wieviel können Sie leisten?
- Wie viele Arbeitsstunden können Sie investieren?
- Auf wie viele (und welche) Mitarbeiter:innen können Sie bei der Gestaltung der Angebote zurückgreifen?
- Welche internen Vertretungsregelungen gelten im Verhinderungsfall?
Die Einrichtung Bibliothek schließt einen trilateralen Kooperationsvertrag (Land, Schule, Bibliothek) ab. In diesem verpflichtet sich die Bibliothek, ein Schulhalbjahr oder ein Schuljahr lang, das Ganztagsangebot im vereinbarten Rahmen an der im Vertrag genannten Grundschule mitzugestalten. Die Schulen arbeiten im Kontext mit den Ganztagsangeboten bereits mit Kooperationsverträgen, die i.d.R. dann von der Bibliothek als zusätzlichem Partner nur unterzeichnet werden müssen.
Im Zusammenhang mit dem Kooperationsvertrag verpflichtet sich die Bibliothek auch meist, ein Konzept einzureichen, wie das Angebot inhaltlich ausgestaltet werden soll.
- Benennen Sie Ihr Angebot möglichst offen, damit flexibel nach Bedarf, Wetter, ausführendem Bibliothekspersonal etc. agiert werden kann.
- Welche Veranstaltungskonzepte haben Sie bereits im Einsatz und können im Rahmen des Ganztags genutzt werden?
- Richten Sie Ihre Angebote nicht in erster Linie auf die Vermittlung von inhaltlichem Wissen aus. Die Kinder haben bereits einen Schultag hinter sich und wollen spielen, toben und Spaß haben.
- Planen Sie Ihre Angebote so, dass jeder Termine eine abgeschlossene Einheit ist und sich die Projekte beim kommenden Termin nach Möglichkeit nicht fortsetzen.
- Haben Sie keinen allzu hohen Perfektionsanspruch. Kinder lieben es, wenn Erwachsene auch nicht immer alles können und eher semi-professionell unterwegs sind.
- Sie merken während einer Veranstaltung zu einem Thema, dass das Expertenkind schlechthin in Ihrer Gruppe ist? Beteiligen Sie es aktiv.
- Nutzen Sie die Talente und Hobbies Ihres Teams für die Gestaltung der einzelnen Termine.
- Für die Ideensuche für einzelne Termine können Sie Ihren Medienbestand nutzen.
Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Greifen Sie auf vorhandene Konzepte und bekannte Identifikationsfiguren zurück. Es eignen sich Projekte der Büchereizentrale Niedersachsen für den Einsatz im Ganztagsbereich:
Auch zahlreiche andere Anbieter haben Konzepte zusammengestellt, die sich für den Einsatz im Ganztag nutzen lassen. Auch zahlreiche Bücher enthalten Ideen, die sich einsetzen lassen.
- Stiftung Lesen: Lesen in Bewegung: 50 Aktionsideen für Leseförderung mit Bewegungsansätzen
- Baer, Ulrich; Schorn, Brigitte; Waschk, Marietheres: Spiele und Aktionen im Ganztag: Grundlagen - Erfahrungen - Spielvorschläge
- Watschinger, Judith: Erst basteln, dann spielen"
- "Zu gut für die Tonne: Kreative Projekte für kleine Umweltschützer"